Chronische Borreliose - Arzneitelegramm 7/14

Im aktuellen Heft des Arzneitelegramm ist ein ausführlicher und ausgezeichneter Artikel zum Thema Borreliose zu lesen.  Neben der aktuellen Datenlage bezüglich Diagnose, Klinik und Therapie nimmt diese pharmaunabhängige Zeitschrift ausführlich zum Thema "chronische Borreliose" Stellung:

 

Der Begriff "chronische Borreliose" wird unterschiedlich gebraucht, in Europa teilweise für Spätmanifestationen der Erkrankung.... Besetzt wird der Begriff aber vor allem von einer Bewegung außerhalb der Schulmedizin, und er bezeichnet hier eine Erkrankung die es nach wissenschaftlichen Maßstäben gar nicht gibt. Die Lyme-Borreliose sei danach eine häufig unheilbare Erkrankung, die hauptsächlich unspezifische Symptome wie chronische Schmerzen oder Müdigkeit hervorruft, trotz chronischen Verlaufs seronegativ sein kann und die einer monate- oder jahrelanger Antibiotikatherapie bedarf. Patienten mit unspezifischen, somatisch nicht hinreichend erklärten Beschwerden, aber auch mit chronischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose wird so trotz fehlender entsprechender klinischer oder serologischer Befunde eine chronische Borrelieninfektion attestiert. Ärztliche Lyme-Aktivisten nutzen für die Pseudodiagnose unter anderem nichtvalidierte Tests wie etwas den LTT (Lymphozytentransformationstest), ein zwar grundsätzlich etabliertes Verfahren, das aber wegen der geringen Spezifität nicht zur Diagnose der Lyme-Borreliose geeignet ist.

Verfechter der "chronischen Borreliose" haben Gesellschaften wie die "Deutsche Borreliose-Gesellschaft", Stiftungen und Selbsthilfegruppen gegründet. Sie halten Kongresse ab, haben ihre eigenen Leitlinien entwickelt und fördern ihre eigene Forschung. Sie verbreiten Desinformation vor allem im Internet. Mit breiter politischer Lobbyarbeit kämpfen sie für die öffentliche Anerkennung der "verschwiegenen Epidemie" und vermeintlichen Verbesserung der Therapie für die vielen Betroffenen. Überdiagnosen und Übertherapien sind bei Lyme-Borreliose auch wegen des von Lyme-Aktivisten verbreiteten verzerrten Bildes einer chronischen Erkrankung ein Problem. Die Mehrzahl zumindest der Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose in spezialisierten Zentren überwiesenen werden, hat gar keine Borreliose."

 

Es ist für mich als Schulmediziner erschreckend, wie selbst auf Universitäten ausgebildete Akademiker wie Hausärzte und andere Fachärzte es gelegentlich nicht schaffen Schulmedizin von "Schamanismus" zu unterscheiden. Ein nicht geringer Teil meiner täglichen Arbeit besteht daraus, den vermeintlichen Borreliosepatienten die Wissenslücken ihrer behandlenden Ärzte zu erklären.

Auch volkswirtschaftlich gesehen ist es ein Wahnsinn wie viel Geld die Krankenkassen wegen den Überdiagnosen und Übertherapien jedes Jahr bezahlen müssen. Nicht nur die Borrelienserologie auch diverse andere Serologien (Chlamydien, Candida,...) sollten nur von Spezialisten angefordert werden dürfen.

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Kommentare: 5
  • #1

    Pit (Samstag, 12 Juli 2014)

    Gut das es Ärzte gibt die über den Tellerrand hinausschauen und sich mal mit der aktuellen Studienlage beschäftigen.
    Ärzte Zeitung vom 14.04.2014: "Borreliose -Die unterschätzte Syphilis aus dem Wald-"
    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/zecken/article/858849/borreliose-unterschaetzte-syphilis-wald.html#


    Ärzte Zeitung "Diagnostik -Labor liefert bei Borreliose-Verdacht nur Indizien-"
    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/zecken/article/858868/diagnostik-labor-liefert-borreliose-verdacht-nur-indizien.html
    Empfehlenswert unter Anderem auch der Vortrag von Dr. Christian Perronne, Professor für Infektions-und Tropenkrankheiten an der Medizinischen Fakultät Paris-Ile de France-Ouest, Universität Versailles-St Quentin, Frankreich, Chef der Abteilung für Medizin an der Universitätsklinik Raymond Poincaré in Garches (Hauts-de-Seine) und Präsident der Kommission für übertragbare Krankheiten an der Hohe Rat für Public Health.
    „The gap between current diagnostic tests for Lyme disease and associated diseases and the diversity of pathogens isolated in the world”
    http://www.borreliose-gesellschaft.de/de/TagungenFortbildung/2014Erfurt/Vortragsunterlagen
    „Lyme-Borreliose und andere durch Zecken übertragene Erkrankungen sind inzwischen ein ernstes Problem in vielen anderen Ländern und auf der ganzen Welt geworden.“
    http://www.huffingtonpost.com/c-m-rubin/the-global-search-for-edu_b_3876682.html?utm_hp_ref=email_share
    Prof. Luc Montagnier, Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin 2008, über Lyme-Borreliose http://www.youtube.com/watch?v=6nGJU4y4sM0
    http://www.youtube.com/watch?v=LRQ-NhEkLXU
    Originaltext:
    http://lookingatlyme.blogspot.de/2012/03/translation-of-prof-montagnier.html http://www.youtube.com/watch?v=yOno_2m_8LY&feature=youtu.be
    Siehe auch die aktuellen wissenschaftlichen Studien:
    http://onlyme-aktion.org/downloads/

    Mit freundlichen Grüßen
    Pit



  • #2

    Pit (Samstag, 12 Juli 2014 12:38)

    Erstaunlich, das so wichtige Infektiologen wie Prof. Dr. Luc Montagnier und Prof. Dr. Christian Perronne, die maßgeblich an der Erforschung von AIDS und HIV beteiligt waren, so ganz und gar anderer Meinung sind wie sie!

    Ab 44:10 berichtet Professor Montagnier, Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin 2008, über Lyme-Borreliose
    http://www.youtube.com/watch?v=6nGJU4y4sM0

  • #3

    Isabell (Samstag, 12 Juli 2014 13:02)

    "Auch volkswirtschaftlich gesehen ist es ein Wahnsinn wie viel Geld die Krankenkassen wegen den Überdiagnosen und Übertherapien jedes Jahr bezahlen müssen."

    Ich finde es eher einen volkwirtschaftlich gesehenen Wahnsinn, wieviel Geld die Krankenkassen an Therapien wegen Fehldiagnosen bezahlen müssen! Wie oft werden Patienten zum Beispiel jahrzehntelang mit den um etliches teureren Rheuma- und MS-Medikamenten symptomatisch behandelt, obwohl kein einziger serologischer Nachweis dieser Krankheiten vorliegt (Stichwort "seronegatives Rheuma" zum Beispiel). Anstatt eine sinnvolle Differentialdiagnostik zu betreiben, die eben auch die in Frage kommenden bakteriellen und viralen Infektionen mit einschließt.
    Am erschreckendsten finde ich allerdings die Fehldiagnose "Es ist die Psyche." In Deutschland gibt es mehr Klinikbetten für psychosomatische Beschwerden als in allen Ländern der Welt zusammen. Und nicht etwa die Ärzte, die nach ihrem Medizinstudium noch die jahrelange Weiterbildung zum FA für Psychiatrie gemacht haben, verschreiben die meisten Psychopharmaka, sondern die Hausärzte! - Sind wir in Deutschland wirklich alle so "bekloppt"? ...

    Daher ist es wichtig, daß nicht die festgefahrenen Meinungen, die inzwischen sogar von ihren Urhebern längst relativiert wurden, immer und immer wieder einfach nur "abgeschrieben und nachgeplappert" werden, ohne deren Wahrheitsgehalt zu hinterfragen und zu überprüfen. Wir alle sollten doch an der Lösung arbeiten und nicht einfach nur stur auf der eigenen Meinung hocken bleiben. Es wird Zeit, daß sich die Ärzte endlich weiterbilden in Sachen Infektiologie (diese wird ja erst seit Okt. 2003 mit der 9. Änderung der Approbationsordnung wieder an deutschen Unis gelehrt), damit Fehldiagnosen beider Richtungen endlich aufhören. Das würde allen entschieden weiterhelfen - Ärzten, Krankenkassen und vor allem den Patienten.

  • #4

    Ulrich (Samstag, 12 Juli 2014 14:36)

    "ausgezeichnet" ist der Artikel nur aus einem einzigen Grund: er zeigt, was einige Ärzte von Patienten halten und wie schlecht einige Schreiberlinge recherchieren. Selbst der maßgebliche Autor der IDSA Leitlinien, Dr. Gary Wormser, leugnet nicht, dass bei ca. 20% der Patienten mit einer nachgewiesenen Borreliose (und Co-Infektionen) die Symptome persistieren. Er behauptet nur, es läge nicht am Erreger - allerdings ohne zu wissen, woran es denn liegt. Als leidender Mensch von Ärzten als "Lyme-Aktivist" abgetan zu werden, der im Internet mobilisiert und das anscheinend nur an der Lust an Randale, ist eine Verhöhnung von Patienten, die ich mir von einem, der den Eid des Hippokrates abgelegt hat, verbitte. Glauben Sie im Ernst, dass der Nobelpreisträger Luc Montagnier ein "Schamane" ist? Glauben Sie dass die Parlamente von New York und Vermont ein Gesetz verabschieden, das Patienten und Ärzte Wahlfreiheit in Bezug auf Therapie gibt, nur weil einige "Aktivisten" im Internet rumstänkern? Macht es Sie nicht nachdenklich, dass auf der ganzen Welt Patienten die gleiche negative Erfahrung mit der herrschenden medizinischen Meinung machen - und zwar ohne sich abgesprochen zu haben.? Offensichtlich nicht! Für Sie sind das "böse" Aktivisten. Mit diesem Menschenbild sollten Sie SOFORT aufzuhören, kranke Menschen zu behandeln. Wenn 20% aller behandelten Fälle weiterhin Symptome haben, dann kann man ja von mir aus gerne immer noch die Chronifizierung der Infektion leugnen, aber bitte NICHT die Symptome und die Schwere der Krankheit. Ich rede hier übrigens nicht von einigen "Zipperlein", sondern von Menschen im Rollstuhl. Jeder verantwortungsvolle Mediziner sollte sich für die Ursachen interessieren und wenn er nicht selbst forschen kann, dann vielleicht zumindest einmal ALLE Studien der Kollegen lesen.

  • #5

    Dr. Marton Széll (Samstag, 12 Juli 2014 18:35)

    vielen dank für den kleinen shitstorm. so ist halt die lyme community... stets gut organisiert wenn es um die verteidigung ihres glaubens geht.

    habe wenig lust auf die teilweise haarstreubenden argumente einzugehen. ich mache daher einen vorschlag:
    - sie können so viele sinnlose antibiotika einnehmen wie sie wollen und ich behandle meine patienten nach schulmedizinischen standards.

    und uralte französische videos als quelle der aktuellen wissenschaft zu zitieren ist lachhaft. seit 2007 weiss man, dass es den begriff der "chronischen borreliose" nicht mehr gibt...fast alle seit dem veröffentlichten artikel in peer reviewed journals unterstützen dies.

    NEJM: http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra072023

    "CONCLUSIONS:
    Chronic Lyme disease is the latest in a series of syndromes that have been postulated in an attempt to attribute medically unexplained symptoms to particular infections. Other examples that have now lost credibility are “chronic candida syndrome” and “chronic Epstein–Barr virus infection.”57,58 The assumption that chronic, subjective symptoms are caused by persistent infection with B. burgdorferi is not supported by carefully conducted laboratory studies or by controlled treatment trials. Chronic Lyme disease, which is equated with chronic B. burgdorferi infection, is a misnomer, and the use of prolonged, dangerous, and expensive antibiotic treatments for it is not warranted."

    glauben sie weiter was sie wollen - ich weiss was ich weiss.